Ort der Ruhe und der Einkehr mitten im Trubel

Seit 1991 fasziniert die Stabkirche im Europa-Park die Besucher

Vom „blue fire Megacoaster“ und der Wasser- Achterbahn „Atlantica SuperSplash“ dringt begeistertes Kreischen herüber. Doch in
der hölzernen Stabkirche ist das Toben draußen nur gedämpft wahrnehmbar. Hier herrscht eine eigentümliche Ruhe, die einen Besucher erst auch irritieren kann, schließlich ist man ja immer noch in Deutschlands größtem Freizeitpark. Der Blick wandert an geschnitzten Gesichtern und biblischen Motiven entlang hinauf zur Decke, die an ein umgedrehtes Wikingerschiff erinnert. In Anlehnung an den Schiffsbau der Wikinger weist die Stabkirche Wände aus senkrecht gestellten Masten und steile, übereinandergeschichtete Dächer auf. Im Inneren beeindrucken die Malereien des Freiburger Künstlers Manfred A. Schmid, der nordische Bilddokumente des Mittelalters schuf. Bestechend sind auch die einmaligen Holzschnitzereien der beiden russischen Künstler Viktor Stoljtov und Nikolaj Schemajakin.

„Gerade um die Mittagszeit kommen viele hierher“, berichten die Seelsorger Andreas Wilhelm und Martin Lampeitl von der „Kirche im Europa-Park“. Weit mehr als 350 Besucher der Stabkirche in einer Stunde haben sie schon gezählt. Es scheint einen bestimmten Rhythmus unter den Gästen zu geben: Morgens nach dem Einlass erst einmal so viel wie möglich ausprobieren, danach darf es entspannter zugehen. „Dann suchen sie nach ruhigen Orten“, sagt Lampeitl. „Und sie finden Ruhe in den beiden Kapellen des Europa-Park oder eben in der Stabkirche und staunen, dass es da noch etwas anderes gibt, was sie im Park nicht erwartet hätten.“ Lampeitl ist oft mit seiner Gitarre in der Stabkirche, die Musik ebnet ihm den Weg zu vielen Begegnungen.

Stabkirchen sind ein Kulturgut Norwegens. Im Mittelalter verteilten sich rund 1.000 dieser Holzkirchen fast über das ganze Land. Nur um die 30 Originale sind noch erhalten, wenige davon auch außerhalb Norwegens. Im Europa-Park war die Stabkirche ursprünglich als eine Würdigung skandinavischer Tradition gedacht. 1991 ist sie im Stil des elften Jahrhunderts für den damals neuen Skandinavischen Themenbereich gebaut worden. Den Namen verdanken Stabkirchen ihrer Baukonstruktion, denn senkrechte Stäbe bilden das Grundgerüst. Das Dach wird im Inneren von freistehenden Masten getragen. Einer Pagode gleich strebt es gen Himmel, Drachenköpfe an den Giebeln bezeugen den Wikingerstil.

Die Vermittlung skandinavischer Kultur durch das Bauwerk erwies sich sehr schnell als nur eine Facette seiner Nutzung: Von Anfang an wurde die Stabkirche für die jährlich stattfindenden Künstlergottesdienste genutzt. „Von vielen Paaren kam zudem bald der Wunsch, sich hier trauen zu lassen“, erklärt Wilhelm. „Deshalb wurde die Stabkirche ökumenisch geweiht.“ Neben Hochzeiten finden hier von der „Kirche im Europa-Park“ auch Taufen, Andachten, Gottesdienste sowie andere Veranstaltun- gen statt. Die Stabkirche ist ein Ort, an dem jeder Besucher ganz persönliche Gedanken hinterlassen kann. So manch einer schreibt hier seine Freude und Sorge in ein Fürbittenbuch. Etwa acht bis zehn Seiten entstehen jeden Tag aufs Neue. „Ein kleines Mädchen hat zum Beispiel geschrieben: Lieber Gott, sag Papa einen lieben Gruß und dass es uns gut geht“, erinnern sich Wilhelm und Lampeitl. Daneben malte sie einen traurigen Mond – und eine lachende Sonne, weil sie einen schönen Tag im Europa-Park erlebt hatte.

Christoph Ertz