Werte müssen durch vorgelebt werden

Gespräch mit dem Journalisten und Autor Ulrich Wickert über Familienbetriebe, Werte und alte Tugenden

You yourself are involved in many social projects. Why is that important to you?

Wickert: As a young student I had the good fortune to receive a scholarship to study in the USA. John F. Kennedy was president then. And in his inaugural speech he said, “Ask not what your country can do for you, ask what you can do for your country.” And then I experienced in America that every student knew he was responsible for himself and his life, but also for the community. And I have never forgotten that sentence, to me it’s a motto to live by.

Are you optimistic about the evolution of our society?

Wickert: It’s hard to get people who don’t know where they stand in society to behave virtuously. Values and virtues, however, are only two of many interlinking factors that help us to live a good life within society. It seems individuals need to think it over, maybe dig down deep inside and take stock of themselves. The goal of any modern ethic has got to be a responsible, free and just society. But the desired result can only be achieved if the indi- vidual’s moral thought gives rise to a public opinion that leads along democratic paths to social and political action. That won’t be very easy, but I’m quite optimistic.

Interview by Horst Koppelstätter

Wie unterscheiden sich Familienbetriebe von großen Konzernen?

Ulrich Wickert: Ich habe bei meinen Vorträgen viele Kontakte mit Mittelständlern und bin immer wieder überrascht, mit welcher Kraft und mit welchem Erfolg diese auch im internationalen Maßstab aktiv sind. Deutsche Familienbetriebe sind in dieser Art einzigartig auf der Welt: Erfolgsorientiert und dennoch achten eigentümergeführte Unternehmen ganz anders auf ihre Mitarbeiter als manche Konzerne. Ich habe großen Respekt vor dem Mittelstand.

In mehreren Ihrer Bücher – wie etwa „Der Ehrliche ist der Dumme“ oder auch „Redet Geld, schweigt die Welt“ – beschäftigen Sie sich mit gesellschaftlichen Werten. Was kritisieren Sie an unserem Gesellschaftssystem?

Wickert: In allen westlichen Industriegesellschaften nimmt die Individualisierung zu. Solange wir in größeren Familienverbänden gelebt haben, in denen jemand die Familie ernährt hat, wurde Solidarität täglich praktiziert. Heute sind die Menschen finanziell unabhängiger und können ihr Leben viel mehr selbst bestimmen. Das ist einerseits positiv. Aber andererseits führt es auch zu starkem Egoismus. So meinen die Menschen: Ich schaffe mir meine Lebensregeln selbst.

Wie können wir gegensteuern?

Wickert: Es gibt eine Verantwortung für uns selbst und eine Verantwortung für die Gesellschaft. Wenn es uns gelingt, noch stärker nach den Vorgaben der Gesellschaft zu handeln, haben wir alle gewonnen.

Können althergebrachte Tugenden überhaupt noch sinnstiftend für eine moderne zivile Gesellschaft wirken?

Wickert: Ja, Tugenden sind modern wie nie. Sie entstehen aus der Einsicht und ändern sich ständig aus neuen Erkenntnissen, die wir im Zusammenhang mit der Gesellschaft machen. Die wichtigsten politischen Werte einer republikanischen Gesellschaft, deren Ursprung in der Menschenwürde liegt, sind immer noch die der Französischen Revolution: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Freiheit ist ein genau so wichtiger Wert wie Frieden oder Individuum, doch stehen ihnen in ihrer moralischen Bedeutung Gerechtigkeit, wie wir heute die Gleichheit nennen würden, und die Solidarität, die sich aus dem Begriff der Brüderlichkeit entwickelt hat, nicht nach. Die beiden letzten Werte lassen sich auch als Tugenden bezeichnen. Leider hat sich in der Öffentlichkeit eingebürgert, Moral als überholte Bezeichnung, Tugend als verstaubt und Pflicht als „out“ zu betrachten.

Wie lassen sich Werte wie Zivilcourage, Toleranz, Gerechtigkeit oder Solidarität im täglichen Leben mit Inhalt füllen?

Wickert: Der Inhalt der Werte ist durch unser Han- deln geprägt. Vielfach gelingt das durch das Vorleben von Vorbildern.

Warum lieben Sie Frankreich so sehr?
Wickert: Frankreich ist eine Teilheimat. Ich bin im Alter von 13 bis 16 Jahren in einem Vorort von Paris zur Schule gegangen. Das hat sicherlich den Kern meiner Beziehung zu Frankreich gelegt, weil ich da gelernt habe, die Sprache sehr gut zu sprechen. Als ich beim Fernsehen anfing, wurde ich deshalb nach Belgien mitgenommen, weil ich Französisch konnte. So ging das auch weiter, bis ich Korrespondent in Frankreich wurde. Ich wollte immer herausfinden, warum die Franzosen anders sind und nicht nur einen Zustand beschreiben. Davon abgesehen bin ich auch gerne im Winter in Südfrankreich, weil es dort länger hell ist als in Hamburg.

Lässt sich in zwei Sätzen sagen: Was unterscheidet die französische Lebensweise von der deutschen?

Wickert: Das lässt sich wirklich nicht in zwei Sätzen sagen. Ich habe schon mehrere Bücher über die Franzosen geschrieben, um den Deutschen Frankreich zu erklären, und sie wissen es immer noch nicht. Also werde ich noch weitere Bücher über Frankreich schreiben müssen.

Was schätzen Sie am Europa-Park?
Wickert: Da hat die ganze Familie Vergnügen – und so viel, dass man immer wieder kommen muss. Das soziale Engagement und der Einsatz für die Kultur der Unternehmerfamilie Mack sind außerordentlich und damit auch Vorbild für viele andere Mittelständler in Deutschland.

Fühlen Sie sich als Europäer?
Wickert: Nur ganz selten. In Deutschland sind wir Bayern, Rheinländer oder Hamburger, in Europa sind wir Franzosen, Italiener oder Deutsche. In Amerika, da werden wir vielleicht als Europäer wahrgenommen – und fühlen uns dann so.

Sie sind selbst in vielen Projekten sozial engagiert. Warum ist Ihnen das wichtig?

Wickert: Als junger Student hatte ich das große Glück, ein Stipendium für das Studium in den USA zu erhalten. Dort regierte Präsident John F. Kennedy. Und er sagte in seiner Antrittsrede: „Frag nicht, was dein Land für dich tun kann. Frag, was du für dein Land tun kannst.“ Und ich habe in Amerika dann erlebt, dass jeder Student wusste: Er ist für sich und sein Leben verantwortlich, aber auch für die Gemeinschaft. Und diesen Satz habe ich nie vergessen, er ist mir ein Lebensmotto.

Sind Sie optimistisch für die Entwicklung unserer Gesellschaft?

Wickert: Wer nicht weiß, wo er in der Gesellschaft steht, ist schwer zu tugendhaftem Verhalten zu bewegen. Werte und Tugenden sind jedoch nur ein Teil in dem großen Räderwerk, das zum Gelingen eines guten Lebens in der Gesellschaft beiträgt. Es scheint notwendig, dass der Einzelne darüber nachdenkt, vielleicht in sich geht. Das Ziel einer modernen Ethik kann heute nur noch die verantwortliche, freie und gerechte Gesellschaft sein. Doch ist das angestrebte Ergebnis nur zu erreichen, wenn sich aus dem moralischen Denken des Einzelnen eine öffentliche Meinung bildet, die auf demokratischem Wege zu gesellschaftlichen und politischen Maßnahmen führt. Das wird nicht ganz einfach, aber ich bin durchaus zuversichtlich.

Das Gespräch führte Horst Koppelstätter