»Nur fräch muesch si!«

Basler Legende s’Selmeli bringt knapp 30.000 bedürftige Menschen in den Park

Sie wollte gleich den Geschäftsführer sprechen. 1976, gerade mal ein Jahr nach Eröffnung des Europa-Park, stand eine kleine, forsche Frau mit dunklen, kurzen Locken am Haupteingang und begehrte kostenlos Einlass für sich und ihre Kinderschar. Roland Mack kam und hörte sich an, was Selma Ratti von ihm wollte. „Du musch mi nur kostenlos reilasse, dann mach ich Werbung für euch“, erklärte die aus Basel stammende Frau in ihrem Trachtenkleid. „Was de au machsch, hesch immer Glück. Nur fräch muesch si!“, meint Ratti. 48 Waisenkinder hat „s’Selmeli“, wie sie immer genannt wird, im Laufe ihres Lebens groß gezogen, vier Kinder adoptierte sie. Engagiert hat sie sich ihr Leben lang für benachteiligte und arme Menschen.
Weil sie weiß, dass Kinder auch mal Spaß brauchen, hat sie sich auf den Weg gemacht in den Europa-Park. Die taffe Frau hatte jedoch nicht genug Geld, um all ihren Schützlingen den Eintritt zu bezahlen. Daher klopfte sie am Eingang des Europa- Park und konfrontierte die Familie Mack mit ihrem Anliegen.

Selmeli

„Sie hat mich gleich geduzt und kam sofort zur Sache, der Deal war, ich soll sie kostenlos in den Park lassen und sie würde in Basel, wo sie jeder kenne, Werbung für den Park machen. Bei dem Schnabel konnte man nicht Nein sagen,“ erinnert sich Roland Mack und gerät in Fahrt: „Daraus entstand dann eine Freundschaft, sie hat uns von ihrer Sache überzeugt und berührt. Wir haben sie oft in Basel in ihrem Haus besucht, da liefen Hühner und Ziegen rum, das war voll mit Puppen und Porzellan, eine märchenhafte Stube. Wenn sie in den Park kam, hatte sie immer für alle Mitarbeiter eine Tafel Schokolade dabei. Später, als sie schon über 70 war, hat sie die Kinder und die Schokolade abgeliefert und sich bei uns zu Hause aufs Sofa gelegt“, schmunzelt Mack.

Knapp 30.000 Schützlinge hat die engagierte Baslerin in all den Jahren in den Europa-Park gebracht. Das Geld für die 600 Fahrten nach Rust sammelte sie mit dem Verkauf von Popcorn auf dem Basler Petersplatz und über Spenden. Schon in den 1950er Jahren platzierte sie als junge Frau ein Pfännchen auf einem Elektrokocher, warf amerikanischen Puffmais hinein und zeigte ganz Basel, pling, plong, was Popcorn ist. Seither hat sie den Spitznamen „Popcorn“- oder „Hiehnerfuetter“-Selmeli weg. Mit dem Erlös aus dem Verkauf und den zahlreichen Spenden reiste sie immer wieder mit Kindern, Jugendlichen und alten Menschen nach Rust. „Für andere Menschen da zu sein – das ist meine Vorstellung von Lebensqualität“, so Selmeli.
Mit 61 Jahren ist sie gemeinsam mit ihrem Mann, einem Eisenbahner, in ein kleineres Haus am Petersplatz gezogen. In Selmelis bunter Welt heißt ein Zimmer „zum Zauberapfel“, Essen und Trinken wird hier nur in Puppenhausgeschirr serviert. Mit ihrem etwas ruppigen Charme hat sie vieles erreicht. „Ein Nein hätte sie sowieso nicht akzeptiert“, bekräftigt Roland Mack, dem sofort viele Geschichten zu diesem Original einfallen.
„Die Hühner haben mit ihr Fernsehen geschaut. Direkt vor dem Haus hat sie jede Menge Ramsch verkauft, alle angesprochen und so Geld für die Fahrten gesammelt, mit ungeheurer Energie und sehr geschäftstüchtig“, bewundert der Geschäftsführer.

Thomas Mack, Selmeli, Jürgen Mack

Die Familie Mack hat Selmelis Idee aufgegriffen und mit der Aktion „Frohe Herzen“ inzwischen über eine Million bedürftige Menschen in den Europa-Park eingeladen. Aber damit nicht genug. Zu ihrem 80. Geburtstag wurde Selmeli als erste Persönlichkeit zur Ehrenbürgerin des Europa-Park gewählt.
Zum 90. Geburtstag wurde im Walliser Dorf das „Selmeli-Gässli“ eingeweiht. Denn die Rattis stammen ursprünglich aus dem Wallis.

Anfang 2014 ist die wohltätige Schweizerin im Alter von 95 Jahren verstorben. Über drei Jahrzehnte verkaufte sie Popcorn und Raritäten auf dem Basler Petersplatz und sammelte Spenden. Damit finanzierte sie über 600 Fahrten in den Europa-Park.

Ute Bauermeister