Kunst im Freizeitpark? Aber ja doch!

»Kunst soll mit Freizeit und Unterhaltung verbunden werden, der Europa-Park ist dafür der beste Platz«, meint der Maler Rolf Knie

Meret Meyer, die Enkelin Marc Chagalls

»Das Anliegen meines Großvaters bestand ja immer darin, mit seiner Kunst die Herzen der Menschen und zwar möglichst vieler Menschen zu erreichen. Er war alles andere als ein elitärer Künstler.«

Meret Meyer, Enkelin Marc Chagall

„Oh schau mal, das sieht aber toll aus!“ Erstaunte Besucher haben schon manch spannendes Kunstwerk im Europa-Park entdeckt, denn Deutschlands größter Freizeitpark ist auch ein Ort für Kunst. Kunstwerke gehören nicht nur ins Museum, vielmehr bemühen sich zeitgenössische Künstler schon seit vielen Jahren, stärker nach außen zu wirken, ihre Kunst öffentlich zu machen, beispielsweise mit Aktionen wie Kunst am Bau oder Kunst an der Plakatwand.
Was auf den ersten Blick erstaunt, geht bestens auf: Kunst ist an unterschiedlichen Stellen im Park präsent. Angefangen von den großen, wechselnden Kunstausstellungen, die während der Winteröffnung
in der Mercedes-Benz-Hall gezeigt werden, über eine vom Künstler Stefan Strumbel gestaltete Suite bis hin zu den zahlreichen Skulpturen, entpuppt sich der Park auch als Ort der Kunst.
Die Enkelin von Marc Chagall war anfangs eher skeptisch. Bei ihrem ersten Besuch im Europa-Park fragte sich Meret Meyer, ob denn die Gemälde ihres Großvaters hier ein passendes Ambiente fänden und ob bei all dem Trubel überhaupt Muße herrsche, sich auf Kunstwerke einzulassen? Doch die anfänglichen Zweifel wichen schnell der Überzeugung: Ja, hier ist ein guter Ort für die Originale des großen Künstlers Marc Chagall. Meret Meyer meint: „Das Anliegen meines Großvaters bestand ja immer darin, mit seiner Kunst die Herzen der Menschen und zwar möglichst vieler Menschen zu erreichen. Er war alles andere als ein elitärer Künstler. Das Anliegen des Freizeitparks besteht ja auch darin, jeden Tag möglichst viele Menschen anzusprechen und zu begeistern.“ Chagall und Europa-Park – das passte hervorragend zusammen. Der phänomenale Erfolg der Ausstellung „Die Magie des Zirkus“ zeigte: Hier haben die Macher ins Schwarze getroffen. Als 2007 über 60 Originale des berühmten Malers im Park ausgestellt wurden, herrschte großer Andrang. Alle Arbeiten, Lithografien zum Thema Zirkus sowie Tapisserien, stammten aus dem Besitz der Familie Chagall. Über 100.000 Besucher strömten in diese eigens für den Park konzipierte Ausstellung. Nach dem großen Erfolg zeigte der Europa-Park im darauf folgenden Winter erneut Werke von Marc Chagall. „Das Erlebnis Marc Chagall – Seine Liebe zu Griechenland“ entführte die Betrachter in die Welt Hellas.

Zeichung von Tomi Ungerer

Kunst für die ganze Familie

Dabei behält der Park immer die Familien mit Kindern im Blick: Nicht nur sehen, sondern auch selbst mitmachen lautet bei den Ausstellungen die Devise. Vor allem die folgende Schau mit humoristischen Kunstwerken des Weltenbummlers Tomi Ungerer erfreute große und kleine Tierfans, die – inspiriert von den frechen Vorlagen – selbst künstlerisch tätig wurden.
Im Winter 2010 präsentierte der Europa-Park 80 Arbeiten des 80-jährigen weltbekannten Elsässers. Der Künstler, der als Grafiker, Schriftsteller und Illustrator kaum ein Thema ausgelassen hat, blieb stets ein ironischer Beobachter der Tierwelt, in der er allzu Menschliches erkannte. Mit seinen humorvollen Arbeiten spricht er alle Altersstufen an.

In der Leseecke konnten kleine Besucher in Ungerers Kinderbüchern schmökern, die Hörspiellounge bot in bequemen Sesseln einen Ohrenschmaus. Kreative Kids durften Katzenmasken ausschneiden und nach eigenem Gusto bemalen. Eine Wand mit Magnetpuzzleteilen regte die Jüngsten dazu an, die Tierwelt von Tomi Ungerer neu zusammen zu setzen.

Bilder voll liebenswerter und skurriler Details

Allerlei Tiere spannt auch Raymond E. Waydelich, ebenfalls Elsässer, auf seine lustigen Fahrzeuge und lässt sie bunt und fröhlich über die Bilder ziehen. Kuriose, teils schwer beladene Fahrzeuge bannt Waydelich zu Land, zu Wasser oder in der Luft auf Karton, Leinwand oder in Kästen. 2011 präsentierte der Europa-Park zusätzlich zu der interaktiven Automobilausstellung „Schneller! Besser! Weiter! 125!Jahre Innovation“ von Mercedes-Benz rund 50 fantasievolle Bilder und Skulpturen von Waydelich, die voll liebenswerter und skurriler Details steckten.

Michel Vaillant, der schnellste Comic-Rennfahrer aller Zeiten,

ist der Protagonist einer Ausstellung in der Mercedes-Benz-Hall. Der Held der Comic-Reihe wurde in den 60er Jahren vom französischen Zeichner Jean Graton erfunden und rast seither durch über 70 Alben, Fernsehserien und Filme. Der Europa-Park präsentiert eine Auswahl von Michel Vaillant-Zeichnungen in großen Formaten, die die Ausstellungshalle zu einem begehbaren Comic machen.

Gemälde von Rolf Knie

Über den Zirkus zur Kunst – Auftritt für den Maler Rolf Knie
Kunstausstellungen gab es aber schon früher im Park. Über 200 Exponate des Schweizer Malers Rolf Knie hingen 2001 im Botta Zelt, das war eine der größten Retrospektiven des Sprosses, der aus jener berühmten Schweizer Zirkusdynastie Knie stammt. „Rolf Knie – Der Auftritt“ lautete der Titel dieser großartigen Schau, die vor allem auch Kinder für Kunst begeisterte. Das Thema Zirkus stand natürlich im Mittelpunkt. Bekannt wurde Knie als Clown, doch schon bald tauschte er die Manege gegen das Atelier, ohne jedoch auf Zirkusluft zu verzichten. Knie malt einige Arbeiten auf Zirkuszeltplanen, deren Struktur mit Ösen und
Stricken dem Bild einen ganz eigenen Charakter verleihen. Tiger, Tiere und Clowns zählen natürlich zu seinen Lieblingsthemen.

Neben quirligen Zirkusszenen, der Corrida-Serie, Frauenbildern, Zeichnungen und Aquarellen haben seine Graphiken und Skulpturen schon damals über 13.500 Besucher verzaubert. „Es ist mir wichtig, die Kunst zu den Menschen zu bringen. Kunst soll mit Freizeit und Unterhaltung verbunden werden, der Europa-Park ist dafür der beste Platz“, kommentiert Knie und weiter: „Ein Schweizer Freund sagte mir mal: Mit der Kunst muss man zum Volk, denn andersherum funktioniert es nicht.“

Skulpturen vom holländischen Bildhauer Steins

Die Kraft der Stiere: Bildhauerkunst im Europa-Park

Im Jahr 2002 zeigte der niederländische Künstler Wim Steins im Schlosspark knapp 20 teils große Bronzeskulpturen, ein Kunst-Highlight im Zeichen der Mythologie Europa. Wim Steins beschäftigt sich in seinen plastischen Werken vorwiegend mit dem Symbol des Stieres: der Stier als Topos für männliche Kraft und Gewalt. Steins formt ihn dynamisch, meist im Sprung in kleinen Bronzeskulpturen oder in zentnerschweren, großen Plastiken. Sein zweites Thema ist der menschliche Torso, der mit Last und Balance zu kämpfen hat. Steins, 1953 geboren, begann seine Karriere als Edelschmied und widmet sich seit 1978 ausschließlich der Bildhauerei. Seit der Ausstellung im Park blieb der Kontakt zu dem Bildhauer.

„Ich laufe am liebsten durch den Park und genieße es, wie die Besucher sich amüsieren. Das Ambiente inspiriert mich immer wieder, etwas Neues zu machen und anders zu denken“, erzählt der Künstler. Inzwischen stehen sechs Arbeiten von Steins im Park verteilt, darunter auch die Statue von Franz Mack, dem Gründer des Europa-Park. Die jüngste und größte Arbeit von Steins ist der Brunnen vor dem neuen Hotel „Bell Rock“. Steins hat hier eine Familie bei der Ankunft in Amerika verewigt, die hoffnungsvoll in die Ferne blickt.

Unweit davon gibt es Kunst sogar im Schlaf: Stefan Strumbel, 1979 in Offenburg geboren, begann mit Graffiti und wurde mit seinen modern-peppigen Schwarzwalduhren bekannt. In seinen Werkserien beschäftigt er sich mit dem Thema „Heimat“ und den damit verbundenen Sinnbildern und Wertvorstellungen. Kultgegenstände wie Kuckucksuhren übermalt er mit grellen Farben und Texten, im Stil der Pop Art mit Elementen der Streetart.
In Kehl hat Strumbel eine katholische Kirche gestaltet und damit vor dem Abriss gerettet: eine sechs Meter große Madonna thront auf der Eingangsempore, ein vergoldetes Kreuz, pinkfarbene Lichtleisten, und aufgesprühte Comic-Sprechblasen für Gebete, bescherten der Dorfkirche zahlreiche neue Besucher.

Gestaltung einer Suite von Stefan Strumbel

Jetzt hat der Kosmopolit und Shooting-Star der deutschen und internationalen Kunstszene eine Suite im Leuchtturm des neuen 4-Sterne Superior Hotels Bell Rock eingerichtet.
„Ahoi Heimat“ nennt Strumbel sein knalliges Spiel mit den typischen Symbolen des Schwarzwaldes. Keine Angst, niemand, der hier übernachtet, wird von der Kuckucksuhr geweckt.

Ute Bauermeister