Das Flüstern der Geschichte

Ein besonderer Ort ist die Humanistische Bibliothek von Sélestat (deutsch: Schlettstadt)

Wer Fantasie hat, ist an diesem Ort verloren. Dessen Ohren vernehmen zwischen den Regalen der Humanistischen Bibliothek von Sélestat (deutsch: Schlettstadt) ein beständiges Flüstern. Nicht mehr als Wortfetzen sind es, die aus den handgeschriebenen Büchern und den ersten gedruckten Schriften der Buchdruck-Werkstätten zwischen Mainz und Basel emporzusteigen scheinen. Lateinische Sätze, griechische, manchmal auch französische und deutsche. Passagen aus der Bibel glaubt man zu hören, dazwischen die Namen großer Philosophen. Aristoteles, Seneca und ... hieß das eben Tacitus?

Wer die Augen schließt, kann ihn sehen: den Humanisten Beatus Rhenanus, tief über ein Schriftstück gebeugt, sein Gesicht flackert im Schein einer Kerze. Eilig kratzt seine Feder übers Papier. Er schreibt an einem Brief. Wer mag der Empfänger sein? Sein Freund und Kollege Erasmus von Rotterdam, vielleicht?

 
Der erste Schritt hinein in den Hauptsaal des Bibliotheksgebäudes im elsässischen Städtchen Sélestat, in der Nähe von Colmar gelegen, raubt Bücherfreunden und Geschichtsamateuren den Atem. Im gedämpften Licht, das durch die Oberlichter des hohen kirchenartigen Raumes gebrochen wird, um sich in einem sanften Winkel über die Vitrinen aus dunklem Holz und die langen Reihen der Bücherregale zu ergießen, ruhen Schätze von unermesslichem Wert. Kein Gold, keine Edelsteine – nur Buchstaben auf Papier.

Am ersten Kasten vorne links wartet Justine Fuhrer. Mit einem energischen Ruck schlägt die junge Frau den schweren roten Samtstoff über dem Glas zur Seite. „Willkommen in der ältesten Bibliothek des Elsass“, sagt sie mit unverkennbar französischem Akzent und entführt die Besucher auf eine Reise direkt ins Herz der Menschheitsgeschichte. Eine Zeit,
die das Ende einer Ära und die Geburtsstunde des modernen Menschen markiert.

Eigentlich besteht die Humanistenbibliothek in Sélestat aus zwei Beständen, die in der ehemaligen Kornkammer der Stadt zusammengeführt wurden. Die private Sammlung des berühmten elsässischen Humanisten Beatus Rhenanus wird ergänzt durch die seiner ehemaligen Schule, die im ausgehenden Mittelalter als eine der modernsten Lehranstalten Europas gilt. Amerika ist noch nicht entdeckt, die Erde für die meisten Menschen noch eine Scheibe, da weisen die Lehrer von Schlettstadt ihre Schüler schon in die neuen Lehren des Humanismus ein. Unter den Schülern der Lateinschule tut sich einer ganz besonders hervor: Beatus Rhenanus, der 1485 geborene Sohn des örtlichen Metzgermeisters avanciert in kürzester Zeit zu einem der größten Gelehrten seiner Epoche.
Dem Jungen scheint das Lernen und die Liebe zum geschriebenen Wort in die Wiege gelegt zu sein. Schon früh beginnt er damit, die seltenen Schriften und Bücher seiner Zeit zu sammeln. Nach einem kurzen Studienaufenthalt an der Sorbonne in Paris kehrt er als 23-Jähriger in seine Geburtsstadt zurück, um deren Bedeutung und Ruhm bis zu seinem Tod 1547 zu mehren.

 

Die Bibliothek von Sélestat, 2011 in das Register des Weltdokumentenerbes der Unesco aufgenommen, enthält 450 Handschriften und mehr als 2.500 gedruckte Bücher aus dem 15. und 16. Jahrhundert. Auch stecken in den Regalen 550 der berühmten Inkunabeln, was übersetzt so etwas wie „Wiegendrucke“ bedeutet. Es sind die ersten, mit beweglichen Lettern und in einem wiegenden Verfahren gedruckten Schriften, die zwischen der Fertigstellung der Gutenberg-Bibel im Jahr 1454 und der Jahrhundertwende 1500 hergestellt wurden. Sie gehören zum kostbarsten Besitz der Humanistenbibliothek.

Doch da ist noch mehr. Das Merowingische Lekto- rium aus dem siebten Jahrhundert ist das älteste Buch der Bücherei. Die kostbare Handschrift liegt unter dem dünnen Glas der ersten Vitrine, deren schützen- de Samthülle Justine Fuhrer eben so beherzt zur Seite gezogen hat. Zum Greifen nah liegt sie da. In Leder gebundene Seiten aus Pergament, die die vergangenen 13 Jahrhunderte schadlos überdauert haben. Wer ganz nah ran geht, kann den Tintenfluss, die Hügel und Täler im rauen Pergament ausmachen.

„Defensio Germaniae“ des Schlettstadter Priesters Jakob Wimp- feling stammt aus dem Jahr 1502.

Nur ein paar Meter weiter – der nächste Schatz: Ein Buch, das nicht nur das Blut von Bibliophilen in Wallung bringt. Von der 1507 verfassten „Taufurkunde Amerikas“ existieren weltweit noch drei Exemplare. Eines ruht in den Tresoren der „National Library“ in New York City, ein weiteres in den Schatzkammern der Universitätsbibliothek von Göttingen. Das dritte noch erhaltene Exemplar der „Cosmographiae introductio“ ruht in der Bibliothek von Schlettstadt unter seinem Mantel von rotem Samt, der jederzeit von den Führern für die Besucher zurückgeschlagen wird. Kartenzeichner aus den Vogesen waren es, die nach den Plänen und Erzählungen des portugiesischen Seefahrers Amerigo Vespucci die erste Karte des soeben entdeckten Kontinents zeichneten. Sie waren es, die der neuen Welt ihren Namen gaben: Amerika – benannt nach seinem Entdecker.

 

Doch das Staunen nimmt kein Ende. Das Schulheft des 13-jährigen Beatus Rhenanus ist nicht minder spannend. In seiner akkuraten Handschrift hat der eifrige Schüler die Übersetzung eines philosophischen Traktats mit eigenen Anmerkungen versehen. Sie sind es, die unser Verständnis der antiken Schriften bis heute prägen.
Auch wenn der Michelin-Führer die Bibliothek von Schlettstadt mit nur einem Stern ausgezeichnet hat, ist das Museum des Wortes und der geschriebenen Sprache ein Muss für Bücherfreunde. Hier sind sie gesammelt, die Werke der beginnenden Buchdruckerkunst und die Gedanken der großen rheinischen Humanisten und wer genug Fantasie besitzt, der kann sie sogar hören und sehen.

Agathe List
Service:

Die Humanistische Bibliothek von Schlettstadt ist in der ehemaligen Kornhalle, im Herzen der Altstadt untergebracht. Sie ist montags, mittwochs, donnerstags und freitags von 9 bis 12 Uhr und von 14 bis 18 Uhr, samstags nur am Vormittag zwischen 9 und 12 Uhr, zu besichtigen. In den Sommermonaten Juli und August ist die Bibliothek am Wochenende, samstags und sonntags, von 14 bis 17 Uhr zu besichtigen.
Für die Besucher gibt es Audioguides auf deutsch, französisch und englisch. Führungen können unter der Nummer 0033 (3) 88 58 07 20 vereinbart werden.